tv_1975

 

MANFRED GARSTKA

Malerei, Grafik, Photographie

»TV«, Öl auf Leinwand, 1975



Die hier vorgestellten Werke sind alle von Manfred Garstka und unterliegen dem Copyright, bitte nicht ungefragt übernehmen, danke.
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Manfred Garstka – Vita

Geb. 1937 in Rastenburg, Ostpr., 1957 bis 1962 Studium Malerei, Grafik, Fotografie (Gresko, Kranz, Troeger, Paolozzi) an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg, seit 1962 freischaffend in Hamburg, 1971 Umzug nach Eberbach, 1972 nach Neckargerach, ab 1987 Atelier in Eberbach.

1967 Förderpreis der Stadt Darmstadt (II. Internationale der Zeichnung)

seit 1958 40 Einzelausstellungen, u. a.:

Manfred Garstka

»Abgehakt«, Öl auf Leinwand, 95*75, 1997. M.G.

seit 1958 70 Ausstellungsbeteiligungen, u. a.:

»Basilisk«, Öl auf Nessel, 70*55, 1993. M.G.

»Operation Phaidra«, Öl auf Nessel, 70*55, 1999. M.G.

Publikationen:

Arbeiten in privaten und öffentlichen Sammlungen im In- und Ausland

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Ohne Titel (1), Farbstift auf Karton, 60*45, 1991. M.G.

Malerei aus Bereichen des Unbewussten

Richard P. Hartmann, DuMont Köln 1974, S. 154-159

Manfred Garstka über seine Arbeit

»Mein Thema ganz allgemein ist die Darstellung des Menschen. Wesentlich für mich ist der Werdegang des Bildes und der Rückblick auf die Reihe der fertigen Arbeiten, die ihrerseits nur Teile einer langsamen Entwicklung sind. Die Thematik ist ständig die gleiche geblieben, nur die Technik hat sich von Zeit zu Zeit gewandelt. Ich arbeite gern an längeren Serien, um den Prozess verfolgen zu können.«

Über Manfred Garstkas Bilder

Das heute schon reichhaltige Werk, das eine langsame kontinuierliche Entwicklung aufweist, verdankt sich dem Fleiß des sensiblen, sich vom betriebsamen Management distanzierenden Künstlers.

Ohne Titel (2), Farbstift auf Karton, 60*45, 1996. M.G.

Seine Zeichnungen lassen zunächst an Bellmer denken. Eine vergleichbare grafische Finesse modifiziert kunstvoll die idée fixe aggressiv-sexueller Motive. Sie machen die Grafik zum Wandschmuck ungeeignet, geben sie in die Hände von Liebhabern und wenigen Sammlern. Aber anders als bei Bellmer, für den der menschliche Körper Objekt halluzinativer, sadomasochistischer Bildmetaphorik ist, 'um vor Lust zu sterben', stellt sich für Garstka eine existentielle Frage nach der Macht und Ohnmacht des Fleisches. Der Verlust der schützenden Haut, einer letzten Integrität – jenes Tabus, auf das jeder Mensch Anrecht hat –, wird zum Sinnbild der von unstillbaren Zerstörungstrieben verursachten Qualen. Der ganze Bildraum wird zur Körperlichkeit, zur hüllenlosen Organmaterie, und durch sie verbildlicht Garstka wiederum das Innere des Menschen. Aus der Tiefe tritt der scharfkantige Schenkel, der Knochen ist gesplittert, das Gelenk überdehnt, freigelegt, glänzend, das Scharnier ausgehebelt, die Sehne gerissen, geritzt, gepresst, gestoßen, herausgerissen sind Leber und Milz. Messer, Säbel und sterile Lappen zum Abdecken, Zudecken, Aufdecken erscheinen im Bild. Warzen sind isoliert, gepeitscht und geschwollen, gespannt und gesprungen, entzündet, Eiter und Sperma spritzen heraus. Vorgegeben sind Assoziationen an Operation, Unfall, Krieg und Folterkammer, aber nichts davon ist genannt.

Aus der Serie »Phaidra«, Aquarell, 42*72, 2000. M.G.

Die Wandlung von der – etwas überbetonten – Sachlichkeit George Grosz'scher Prägung, von der Darstellung individuellen Erleidens, das für den Menschen steht, wird gewandelt zu jener von allgemeinem Leid, das anonym im Körperlichsein verdichtet wird. All dieser Wahn, das Übermächtige der Leiderfahrung, stellt Garstka auf seinen Bildern dar, um es als Erlebnis zu bewältigen, somit, um künstlerisch wahrhaftig zu sein. Abstraktion dient hier dazu, das künstlerische Maß einzuhalten, denn Zynismus und Sarkasmus sind ihm fremd: In großzügiger und klarer Komposition von farbiger Turbulenz entstehen Bilder von unbestreitbarer Schönheit. Trotzdem ist ein Geist der Unruhe wirksam, der den Betrachter fortwährend provoziert; ein Ecce homo des geschundenen Marsyas. Es ist so – aber es ist noch lange nicht vollbracht. Die Tortur geht auf vollen Touren.

Als Einführung in den Versuch

Machen sich die Affekte selbständig – seien es depressive oder euphorische –, so überschwemmen sie oft die Erlebnisebene gänzlich. In jeder Phase von Garstkas Versuch ist die Angst stark. Jeder Gegenstand ist unbeeinflussbar bedrohlich; die Inhalte ändern sich, sind aber nicht fassbar. Der Proband ist zur Passivität verurteilt und den Eindrücken ausgeliefert; seine inneren Regungen scheinen erstarrt. Als wäre er in einem Eisblock eingefroren, gibt es kein vor und zurück. Die Gefühle »sind wie von einem Fremden ausgeliehen«. Jede versuchte Gegenwehr erzeugt ihrerseits Schuldgefühle; ein Ausweichen erscheint sinnlos und stößt die Versuchsperson noch mehr in die Isolation. Die Verständigung reißt ab; zwar fehlt es nicht an der Einsicht, aber die Argumente erscheinen ausgehöhlt, für den Probanden persönlich nicht mehr zutreffend, sind doppelsinnig oder werden selber bedrohlich. Schließlich bricht die Kommunikation völlig ab; ängstlich starrt die Versuchsperson vor sich hin, ist schweigsam und bewegungslos. – Für den Außenstehenden sind diese depressiven psychotischen Züge nicht einfühlbar; es gibt keinen realen Anlass, auf den sie zu beziehen wären.

»Tanzschritt«, Radierung, nachträglich aquarelliert, 30*20, 1998. M.G.

Aus dem LSD-Protokoll

Eigenbeurteilung des Versuchs

»Nach einer halben Stunde als erstes Anzeichen farbige Kontur der Gegenstände am Rand des Gesichtsfeldes. Dann schien sich alles zu verdunkeln – wie im Schatten liegend. Zugleich Gefühl der Trunkenheit, nur klarer. Herr Dr. Hartmann schien in die Wand zurückzuweichen, das Gesicht in Bewegung, mit verwischter Kontur; dunkelgrüne und rote Flecken flossen ein, der Schrank blieb annähernd wie gewohnt, verjüngte sich aber nach oben.

»Torso«, Aquarell, 42*27, 2000. M.G.

Die Dunkelheit über und neben der Türfüllung trat krass hervor. Von nun an befiel mich eine grauenhafte Angst. Spürte, dass ich zitterte; es war nicht zu unterdrücken. In der zweiten Zeichnung, noch normal begonnen, traten die Einzelformen, die ich gerade zeichnete, stark hervor, während das übrige versank. Der Zusammenhang, die Komposition verschwand, der Strich wurde mechanisch, mühsam, sehr grob (die Grobheit des Strichs kam mir in wiederkehrenden Momenten der Konzentration zu Bewusstsein); ich versuchte möglichst fein zu schraffieren, hatte aber sofort den Ansatzpunkt vergessen. Verlor langsam das Zeitgefühl, versuchte mich vergeblich an der Zahl der fertigen Zeichnungen zu orientieren. Die Musik (indisch, dann Jazz – New Orleans) begann laut und aggressiv zu werden. Schwankungen in der Tonhöhe wurden besonders stark empfunden (wie ein Jaulen), zugleich Zunahme der anderen Geräusche (Kratzen des Radiergummis, Papierrascheln, Räuspern, Schnaufen – alles mit Echoeffekten, bedeutungsvolles Gurren der Tauben vor dem Fenster). Ich verstand die Fragen, konnte aber nicht oder nicht vollständig antworten, da eine abgleitende Verschiebung den begonnenen Gedanken abschnitt. Meine Hände schienen violett-grün, die Finger knochig-dünn. Das Bewusstsein fing an zu rotieren. Schnell wechselndes Fallen aus einer Art Traumzustand in den nächsten; ich konnte mir nicht klar machen, warum ich hier saß, was ich tun wollte und wozu, dachte manchmal, ich wäre noch zu Hause, hatte das Gefühl, zu versagen, da nicht das Zeichnen wichtig wurde, sondern der fortwährende Versuch, mich zu orientieren und aufzuwachen. Die Fragen wurden als Verhöhnung und feindliche Beeinflussung empfunden, unterstützt durch den Anblick der deformierten Gesichter; ich fürchtete, hypnotisiert zu werden, hatte den Eindruck einer direkt hinter mir stehenden Person, konnte den Wechsel der Personen im Raum nicht mehr registrieren. Oft war es, als gingen markante rhythmische Stellen der Musik (Bousouki) in die Bewegung der zeichnenden Hand über (gleichzeitiges farbiges Aufblitzen), die dann eine gestrichelte Linie zog. Ich begann mit Farbstiften zu zeichnen, und meine Lust zu arbeiten nahm zu. Eine große Erleichterung überkam mich. Ich sah auf dem Weiß des Papiers leuchtende Farben, gesteigert durch bereits vorhandene Farbstriche. Diese Steigerung der Empfindung ließ sich jetzt durch den Willen beeinflussen. Der Normalzustand schien sofort wiederhergestellt zu sein, sobald ich mich unterhielt und von dem Blatt abwandte.«

»Verwehrt«, Öl auf Leinwand, 70*55, 1998. M.G.

Manfred Garstka zwei Jahre nach dem Versuch

»Im Laufe der letzten zwei Jahre hat sich in meiner Arbeit und meiner Konzeption manches geändert, doch so oft ich versuche, über die Auswirkung der Droge auf die weitere Produktion konkrete Angaben zu machen, scheint mir das Wesentliche nicht fassbar zu sein. Äußerlich sichtbar ist seitdem eine stärkere Hinwendung zur Farbe, die Vorliebe für eine expressive Pinselführung. Das trifft jedoch nicht den Kern. Ich bin auch dem Inhaltlichen meiner Darstellung näher als bisher; selbst die früheren Arbeiten haben für mich an Realität gewonnen. Was vorher geahnte Möglichkeit war, wurde im Rausch grauenhafte Wirklichkeit, was spielerisches Auswechseln von Formteilen war, wurde konkrete Abbildung. Hauptbestandteil meines LSD-Erlebnisses war die Furcht, das Ichbewusstsein zu verlieren und keine Möglichkeit zu haben, meinen Zustand zu kontrollieren. Alle wahrgenommenen Veränderungen waren furchterregend: die zerfließenden Konturen des Raumes und der Anwesenden sowie die alles überflutenden Farben. Die Bewältigung dieses Erlebnisses wirkte sich jedoch äußerst stimulierend auf meine weitere Arbeit aus. Ich hatte schon in der Phase des abklingenden Rausches eine Fülle von Bildvorstellungen. Noch lange danach schien die Arbeit wie von selbst zu laufen. Ich habe mich später auch theoretisch mit dem psychopathologischen Phänomen des Rausches beschäftigt und auf diese Weise versucht, die Angst zu rationalisieren.«

Zusammenfassung

Der depressive Verlauf des Versuchs von Garstka fand entsprechenden Ausdruck in den Zeichnungen. Nicht die Inhalte veränderten sich – das hätte emotionale Beweglichkeit vorausgesetzt, wäre also der Starre des Psychotischen entgegengesetzt gewesen –, sondern die Darstellungsweise isolierte sich. Die Linien standen allein, die Konturen wurden unelastisch, unpersönlich und unsensibel. Das verbindende Zwischen-Grau dickte ein, das Körperhafte wurde nicht mehr von Schatten modelliert. Maskenhaftes ersetzte Mimisches.

»Zirrus«, Farbstift auf Karton, 62*45, 2000. M.G.

Das gleißende, funkensprühende Reiben körperlicher Figurationen verkalkte unter LSD zu spannungslosen, gegeneinander stehenden Blöcken. Eine allseitige Beklemmung lähmte Initiative und Abwehr, wobei das Zeichnen als der letzte Halt vor dem Absinken erschien. Die Vergangenheit wirkte wie eine Ewigkeit, die Zukunft wie abgeschnitten. In diesem gleichmäßigen Rotieren klammerte sich der Proband fest an die Malerei – so konnte er offenbar der Gefahr eines tieferen Hineingleitens in die Depression entgegentreten: »Auf dieser Reise habe ich jede Angst, jede Bedrohung und jedes Vernichtungsgefühl erlebt und durchlitten.« Diese verständliche Tendenz der Versuchsperson, ihre psychisch-künstlerische Ausgangsposition und die Phänomene des LSD-Erlebnisses zueinander in Beziehung zu setzen, wird hier noch besonders evoziert durch die für Halluzinogene typische Tendenz, das subjektiv als wahrhaftig Erlebte auch als objektiv wahrhaftig anzusehen. Es besteht die Neigung, die LSD-Phänomene nachträglich mit vermuteten Anlagen in der eigenen Persönlichkeit zu erklären: »… existentielle und metaphysische Bedrohung – bisher erahnt und unbewusst gestaltet – wurde nun erlebte Wirklichkeit.« Demgegenüber muss festgehalten werden, dass die Droge keine objektiven Wahrheiten vermittelt. Nach alledem sei Garstka ein Lichtblick vergönnt, der sich besonders gegen Ende des Versuchs bemerkbar machte und bis heute nachwirkt: »Die erlebte Farbigkeit«. Wie er mir kurz nach dem Versuch erzählte, trug er sich schon einige Zeit mit dem Gedanken, seine düstere Palette aufzuhellen. Der LSD-Versuch gab den willkommenen Anstoß: die düsteren Ängste wurden zur grell beleuchteten Szene. Mag der Wandel der Farben auch nicht ganz unvorbereitet, die neue Skala schon vorgebildet gewesen sein: Jene für Garstka aufwühlenden Ereignisse haben in diesem Fall eine neue bildnerische Gestaltungsweise ausgelöst.

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Kontakt

Manfred Garstka, Friedrichstr. 14, 69412 Eberbach