Als Arzt und Neurologe entwickelte Perls ein Gegenmodell zu Freuds Ansatz, durch Repression entstandene Fehler des »Ego« abermals restriktiv zu korrigieren und stattdessen an der Wahrnehmung zu arbeiten. So entstand die Gestalt-Therapie …

 

F. PerlsFrederic ›Fritz‹ Perls 1924 – zeitgenössische Photographie

Frederic ›Fritz‹ Perls – Gestalt

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Psychoanalyse, Freud

Perls hatte die Lehre Siegmund Freuds studiert und später Psychologen und Therapeuten kennengelernt, die nach weiter entwickelten oder ganz anderen Methoden arbeiteten, u.a. Kurt Goldstein und Wilhelm Reich.

Kritik an der Freudschen Psychoanalyse

Zum einen störte er sich daran, dass die Ausbildung zum Psychoanalytiker ein abgeschlossenes Studium, meist Medizin, zur Voraussetzung hat. Und so gründete er die Fritz-Perls-Institute (das erste 1952 in New York), um auch und gerade Nichtakademikern diese Techniken zugänglich zu machen.

Zum anderen störte ihn das freudsche Werkzeug, die Couch. Seiner Ansicht nach war Freud einfach zu neurotisch, um seinen Patienten in die Augen zu schauen. Und so gibt es in der Gestalttherapie keine Analytikercouch.

Therapeut und Klinent befinden sich sozusagen auf Augenhöhe.

 

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›Gestalt‹ – Grundlagen

Gestalt

Ich tu, was ich tu; und du tust, was du tust.

Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben,

und du bist nicht auf dieser Welt, um nach den meinen zu leben.

Du bist du, und ich bin ich,

und wenn wir uns zufällig finden, – wunderbar.

Wenn nicht, kann man auch nichts machen.

Fritz Perls

Dieses »Gestalt-Gedicht« sollte sich jeder, der sich mit der Materie befasst, täglich laut vorlesen, so Perls. Also, am besten übers Bett hängen oder an den Spiegel.

Wenn wir die Begriffe »Gestalt« oder »Gestalttherapie« benutzen, so meinen wir zwei Techniken, die sich wunderbar ergänzen: Gestalttherapie und Transaktionsanalyse (TA).

Gestalt zielt auf den Bauch, die Gefühle. Aufschließende Frage: »Wie EMPFINDEST du das?

Transaktionsanalyse zielt auf den Kopf. Aufschließende Frage: »Was NÜTZT dir das?

Fragen mit »warum …« sind in diesem Zusammenhang abzulehnen, denn die führen nur zu Rationalisierungen und zum Vernebeln.

In der Praxis wird häufig mit beiden Techniken, Gestalt und TA gearbeitet, da sie sich so wunderbar ergänzen.

Verglichen mit Psychoanalyse wirkt Gestalt ungleich schneller, kräftiger, direkter, und ist damit für den an der empfangenden Seite oftmals anstrengend und schmerzhaft.

Umgangssprachlich-flapsig gesagt: Gestalt verhält sich zu Psychoanalyse wie ein Sprinter zu einem altpreußischen Amtsrat.

Ein »Ich glaube …« wird sofort gekontert mit »Religion ist frei in diesem Land. Das ist auch nicht strittig. Hier geht es darum, was du empfindest, und nicht, was du glaubst«. Während der Patient beim Psychoanalytiker auch mal eine Stunde schweigend auf der Couch liegen kann, so wird Schwafeln und Ausweichen bei Gestalt gefühlsmäßig sehr schnell unangenehm.

Gestalt kommt möglichst ohne Umwege zum Punkt und ist deshalb effektiver als andere Methoden.

 

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Vorgänger

Die verbreitete Annahme, Freud sei der Begründer der Psychoanalyse und -Therapie gewesen, beruht auf Freuds eigener (und eigennütziger) Propaganda. Natürlich gab es Vorläufer: Johann Reil (führte 1808 den Begriff »Psychiatrie« und damit den wissenschaftlich-medizinischen Anspruch ein), Franz Anton Mesmer (wissenschaftliche Darstellung der Hypnose), Philippe Pinel (erkannte um 1800 Geisteskrankheiten als solche – und eben nicht als Besessenheit von Dämonen), Jean-Martin Charcot (begründete 1882 eine Fachklinik für Neurologie) sowie etliche andere.

So ist kein Wunder, dass etliche Schüler Freuds sich von dessen »reiner Lehre« verabschiedeten, z.B. Wilhelm Reich, der die Reduzierung auf die allbekannten Sexualneurosen nicht nachvollziehen konnte und somit nicht teilte. Auch mit der behäbigen »Wiener Art« hatte Reich Schwierigkeiten; seine aktive Rolle als Therapeut beeindruckte und inspierierte wiederum Fritz Perls.

Natürlich soll das hier keine vollständige Darstellung sein, sondern zum weiterlesen und -denken anregen.

Robert Anton Wilson über Dr. Wilhelm Reich:

»Dr. Reich war der erste Freudianer, der die Freudschen Entdeckungen wörtlich nahm und es deutlich aussprach, dass die meisten Neurosen durch die jüdisch-christliche Unterdrückung des Sex, des Sexuellen und durch Triebunterdrückung verursacht wären. Noch schlimmer, Reich bestand darauf, dass diese Neurosen die unmittelbaren Ursachen für Rassismus, Sexismus, Vergewaltigung, Gewalt und Kriege seien. Sexuelle Unterdrückung, so schloss er, sei das öffentliche Gesundheitsproblem Nummer eins und sollte so rigoros bekämpft werden wie die Kinderlähmung oder Krebs. Reich begann seine Ketzereien in den zwanziger Jahren zu veröffentlichen, während er mit der Forschung an Paaren, die miteinander Geschlechtsverkehr unterhielten, in den dreißiger Jahren (30 Jahre vor Masters und Johnson) begann.

Für diese und andere radikale Einstellungsweisen wurde Dr. Reich aus der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft ausgeschlossen, aus der Kommunistischen sowie der Sozialistischen Partei Österreichs hinausgeworfen, durch die Nazis aus Deutschland ausgewiesen und von der Presse in Schweden so sehr verleumdet, dass er nicht mehr länger in diesem Lande arbeiten konnte. Nach den USA ausgewandert, wurde er dort von der American Medical Association (AMA) diffamiert, so dass er schließlich 1957 in einem Staatsgefängnis starb. All dies hat viele Leute, darunter auch mich, zur Überzeugung gebracht, dass die wissenschaftliche Freiheit im 20. Jahrhundert ebensowenig garantiert war wie im Mittelalter, sobald ein Wissenschaftler in seinen Überlegungen revolutionär wurde.«

Aus: »Cosmic Trigger«, Rowohlt Hamburg 1985, S. 72 f

Dass im Zeitalter des McCarthyismus die Bücher von Reich in USA öffentlich verbrannt wurden, ist zwar öffentliches Wissen, jedoch nicht sehr bekannt. Wohlgemerkt in den USA, the home of the free, the land of the brave.

 

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Literatur

Gestalt, Gestalttherapie

Transaktionsanalyse

Verwandtes

 

 

Herlu, jk