Georg Iwanowitsch Gurdjieff reiste jahrelang in Asien herum und sammelte: sammelte Wissen, Hintergründe, philosophische Gedanken. Um 1922 gründete er in Fontainebleue bei Paris das »Institut zur harmonischen Entwicklung des Menschen«. Seine Lehren haben deutliche Wurzeln bei Sufis und Derwischen. …

 

GurdjieffGurdjieff – zeitgenössisches Photo als Titelbild einer Biographie

Gurdjieff – Westlicher Sufismus

Georg Iwanowitsch Gurdjieff war Georgier aus Tiflis und entstammte einer »multinationalen Familie«, wird in der Literatur u.A. auch mal als Grieche geführt. Daher gibt es mehrere Schreibweisen seines Namens. Wahrscheinlich sind solche Dinge nicht allzu wichtig.

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Dig the Dog Deeper

Als sein Hauptwerk gilt »Beelzebub's Tales to his Grandson« (in etwa: »Was der Teufel seinem Enkel erzählt«). Mit seinen Schülern ist Gurdjieff einzelne Kapitel immer wieder durch gegangen. War eines zu leicht verständlich, schrieb er es um. Er nannte diesen Prozess: »den Hund tiefer begraben« (Dig the Dog Deeper). Ähnlich wie Doris Lessings Fünfteiler »Shukasta« wirkt auch Beelzebub so, als wäre die Erde eine Art grobstoffliches Gefängnis.

Überblick und Zusammenfassung aus »Gurdjieff, der Magier« sowie diversen weiteren Quellen

In »Gurdjieff der Magier« zitiert Powels einen Rom Landau, der Gurdjieff persönlich kannte. Landau nun hat versucht, Gurdjieffs Angaben über dessen Asienreisen zu überprüfen. Im Lauf seiner Nachforschungen erhielt er folgenden Brief von einem Hauptmann Abdullah über Gurdjieff in Tibet (s. Kasten):

Brief an Rom Landau

Büro der Fifth Avenue, New York, Hauptmann Achmed Abdullah

Cher Monsieur,

Im Falle Gurdjieff steht mir kein anderes Beweismittel für die Richtigkeit meiner Auffassung zur Verfügung, als dass ich ihrer gewiss bin. Als ich ihn kennenlernte, war er etwa dreißig Jahre alt, und er war neben seiner Tätigkeit als Erzieher des Dalai-Lama Hauptagent der Russen in Tibet. Er war burjätischer Russe und Buddhist. Sein Wissen war enorm, sein Einfluss in Lhasa erheblich, denn er sorgte für die Tributzahlungen der Baikal-Tataren an den Dalai-Lama und hatte den sehr hohen Titel eines Tsannys-Khan-Po. Den Russen war er unter dem Namen Hambro Akvan Dorzhiew bekannt. Beim britischen Geheimdienst hieß er der Lama Dorzhiew. Als wir in Tibet einmarschierten, verschwand er mit dem Dalai-Lama in Richtung Mongolei. Er sprach Russisch, Tibetanisch, Tatarisch, Tadschikisch, Chinesisch, Griechisch, Französisch (mit starkem Akzent) und ein ziemlich phantastisches Englisch. Und sein Alter – tja, ich möchte sagen, er war alterslos. Ein großer Mensch, auch wenn er in der imperialistischen Politik herumpfuschte und dies – das will ich gerne glauben – mehr oder weniger zum eigenen Vergnügen tat. Etwa dreißig Jahre später traf ich ihn auf einem Essen bei einem gemeinsamen Freund, John O'Hara, dem früheren Direktor der New York World, in New York. Ich war überzeugt, dass er der Lama Dorzhiew war. Ich sagte es ihm, und er zwinkerte mit dem Auge. Wir sprachen Tadschikisch.

Ich bin ein ziemlich beschlagener Mann, aber ich möchte gerne all das wissen, was Gurdjieff schon wieder vergessen hat!

Ihr sehr ergebener A. Abdullah

Gurdjieff propagierte eine Doktrin, die eine eigene Lehre über Psychologie und Physiologie des Menschen umfasste und zugleich einigen der ältesten Überlieferungen Rechnung trug, sowie einigen Gegebenheiten, die der heutigen Wissenschaft weniger bekannt sind. Seine Theorien sind alles andere als einfach, z.B. die über Menschen und auch über Musik sind hoch kompliziert. Darüber hinaus lehrte er eine Reihe von praktischen Übungen, die bis heute geheim geblieben sind.

Aus einer Leserzuschrift: »Powels hat in Gurdjieff-Kreisen keinen guten Ruf. Ernsthaft interssierte werden sich vermutlich abwenden, und für 'neue' ist er nicht der beste Einstieg. Bei Gurdjieff Internet Guide¹ gibt es so ziemlich alles; Links, Info etc., gute Quelle. Von da aus geht es überall hin.«

Wie die meisten der großen Persönlichkeiten, die etwas bewegt haben, wird auch Gurdjieff keineswegs einheitlich interpretiert und gesehen.

 

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Familie des Geistes

Zu den Mitgliedern seiner »Familie des Geistes« zählten u.a.:

Gurdjieff gibt zu, dass er sich auch mit der Studium »übernatürlicher Wissenschaften« befasst habe, dass er es erreichte, die üblichen Tricks zu berherrschen, und er erzählte, wie er das Hypnotisieren erlernte:

»Ich fing an, alle Berichte zu sammeln, die noch bei einigen asiatischen Völkern lebendig geblieben sind und die sich auf jenen in der antike sehr entwickelten Wissenszweig beziehen, der Makhanese oder »die Entäußerung von aller Verantwortlichkeit« genannt wurde, und von dem die Zivilisation unserer Zeit nur den untersten Zweig unter dem Namem Hypnose kennt. Nachdem ich so alles, was ich konnte, zusammengetragen hatte, begab ich mich in ein Derwischkloster nach Mittelasien und widmete mich ausschließlich dem Studium des mir zugänglich gewordenen Stoffes. Nach zwei theoretischen Studienjahren hatte ich den Anspruch, mich »Heiler« für alle möglichen Gebrechen zu nennen, und wandte die Ergebnisse meiner Untersuchungen praktisch an. Vier oder fünf Jahre lang war das meine einzige Beschäftigung, und ich kam zu Ergebissen, die in dieser Zeit ohne Beispiel dastehen.«

 

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Gurdjieffs Menschenbild

Zu Gurdjieffs Menschenbild gehörte die Erkentnis:

»Der Mensch, wie wir ihn kennen, ist ein unvollendetes Wesen. Die Natur entwicket den Menschen nur bis zu einem gewissen Grad, dann überlässt sie ihn sich selbst, damit er seine Entwicklung durch eigene Bemühungen und Initiative fortsetzt, ein anderes Wesen wird, oder lebt und stirbt, wie er geboren wurde. Er kann aber auch degenerieren und die Fähigkeit zur Entwicklung verlieren«.

Grundfragen

Was bedeutet »ein anderes Wesen«?

Warum können sich nicht alle Menschen entwickeln und andere Wesen werden?

Warum diese Ungerechtigkeit?

Antwort

Die Antwort ist sehr einfach: Weil die, die sich nicht ändern und entwickeln, kein Verlangen danach haben. Weil sie nichts davon wissen. Selbst wenn man es ihnen sagt, werden sie es erst verstehen, wenn sie lange Zeit darauf vorbereitet wurden.

Der Hauptgedanke dabei: Um ein »gewandeltes Wesen« zu werden, muss der Mensch dies mit aller Kraft und eine sehr lange Zeit hindurch anstreben. Ein vorübergehender oder vager Wunsch, hervorgegangen aus Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen, wird nicht genügend Antrieb schaffen.

Powels dazu:

»Die Wahrheit ist: Vor dem Erlangen neuer Eigenschaften und Fähigkeiten, welche der Mensch nicht kennt und noch nicht besitzt, muss er Eigenschaften und Fähigkeiten erwerben, die er zwar auch nicht besitzt, die er sich aber zuschreibt, das heißt, die er zu kennen glaubt, die er glaubt verwenden und meistern zu können.

Das ist das fehlende Kettenglied, der wichtigste Punkt.

Durch den Weg der Evolution, wie zuvor beschrieben, das heißt: Auf einem Weg der Anstrengung und Hilfe muss der Mensch Eigenschaften erwerben, die er schon zu besitzen glaubt, über die er sich aber täuscht.

Um dies besser zu verstehen und um zu wissen, welche neuen Eigenschaften, welche ungeahnten Fähigkeiten der Mensch erlangen kann, und welche zu besitzen er sich einbildet, müssen wir von der allgemeinen Idee ausgehen, die sich der Mensch über sich selbst macht.

Und sogleich befinden wir uns vor einer sehr wichtigen Tatsache: Der Mensch kennt sich nicht. Er kennt weder seine eigenen Grenzen noch seine Möglichkeiten. Er weiß selbst nicht, in welchem großen Ausmaß er sich nicht kennt.«

Zu Gurdjieffs Philisophie, soweit sie in der Arbeit des Instituts zur harmonischen Entwicklung des Menschen Niederschlag gefunden, hat schreibt Powels:

»Die Zivilisation hat, indem sie bestimmte Fähigkeiten des Menschen entwickelte, dabei bestimmte andere, und zwar die bedeutendsten Fähigkeiten, verunstaltet oder zerstört. Unsere Fähigkeiten, das heißt, die von uns gewöhnlichen Menschen, sind um drei Mittelpunkte angeordnet: Das gesitige Zentrum macht Pläne und formuliert; das Empfindungszentrum fuehlt, liebt oder hasst; das körperliche oder instinktive Zentrum handelt, bewegt sich, schafft.

In jedem von uns hat das eine oder andere Zentrum die Oberhand. Der Einzelmensch ist entweder vorherrschend geistig, gefühlsbetont oder körperlich bestimmt.

Wer bin ich nun? Jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Handlung ist lediglich eine mechanische Wechselwirkung, die auf äußere Umstände antwortet. Nicht ich denke, sondern es denkt etwas in mir; nicht ich fühle, sondern irgend etwas bestimmt von außen her meine Gefühle; nicht ich handle, sondern die äußeren Bedingungen rufen die entsprechende Handlung hervor.

Der Mensch ist wie ein richtungsloses Schiff, das auf dem Meere des Lebens in wechselnden Kursen läuft, wie eben die verschiedenen Strömungen es mitnehmen und dadurch seinen Kurs bestimen … Zuerst einmal muss man sich selbst als das erkennen lernen, was man ist: nämlich eine dreiteilige Maschine, die vollauf den Umständen ausgeliefert ist. Um sich darüber klar zu werden, muss man sich in jedem Augenblick seines Lebens beobachten, ob man nun arbeitet oder ausruht, glücklich oder unglücklich, lebhaft oder müde ist. Man wird dann bald erkennen, dass man seine Handlungen und Empfindungen nicht selbst steuert, sondern dass dies durch die äußeren Umstände geschieht … Es geht nun für den, der sich über seinen Mangel an Selbstkontrolle klar geworden ist, darum, seine drei Zentren in Einklang miteinander zu bringen, so dass sie bei allem, was ihm begegnet, in abgestimmter Weise antworten

Der Weg

Da nun der Weg zu diesem Ziel über die Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis führt, richtet Gurdjew es so ein, dass jeder in jedem Augenblick sich beständig unter wechselnden Bedingungen beobachten kann. Deshalb erlegt er seinen Geistesarbeitern schwere Handarbeiten auf, so dass sie sich bei dieser ungewohnten Anstrengung beobachten können. Wenn sich ein Maurer dieser Schülerkolonie angeschlossen hätte, würde man ihn wahrscheinlich zum Lesen ermuntert oder gezwungen haben, gar nichts zu tun. Gurdjieff beginnt auch deshalb damit, die Gewohnheiten seiner Schüler zu brechen, weil diese die stärksten mechanischen Verkettungen darstellen, denen man unterworfen ist. Er sagt, je unbedeutender eine Gewohnheit sei, um so schwerer, sie loszuwerden. So führt er einem die eigenen Gewohnheiten vor und macht sie einem dadurch bewusst.

Der Verleger war zum Beispiel ein alter Raucher. Gurdjieff entzog ihm sofort den Tabak. Wenn jemand eine Vorliebe für bestimmte, etwa gezuckerte, Gerichte entwickelte, setzte man ihn auf zuckerlose Diät oder gab ihm gezuckerte Gerichte in solchem Überfluss, dass ihm davon übel wurde … Wie lange dauert es nun, bis ein Schüler zur Meisterung und zur Erkenntnis seiner selbst kommt und bis zur Wahrnehmung der vierten Dimension seines Selbst gelangt? Das hängt von der dem einzelnen angebotenen Fähigkeit ab und davon, inwieweit er sich dabei von Gurdjieff helfen lässt.

Zuerst müssen alle persönlichen Widerstände zerbrochen werden. Wer stolz ist, wird von Gurdjew absichtlich vor anderen Schülern gedemütigt. Wer eine besondere Zu- oder Abneigung hat, muss sie unterdrücken. Im Institut gab es zum Beispiel einen Mann, der den Anblick von Blut hasste. Er wurde sofort damit beauftragt, die Tiere für die Küche zu töten …

Wichtig ist hier anzumerken, dass Gurdjieff seine Schüler (anders als so mancher schlechte Coach und Gruppendynamiker) mit diesen extremen Selbsterfahrungs-Erlebnissen nicht alleine gelassen hat, sondern darauf ernsthafte und professionelle Arbeit aufgebaut hat.

 

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Musik und Tanz

Gurdjieffs andere Methode, um die Abstimmung der einzelnen Zentren zu fördern, war der Tanz. Die Schüler sollten sich ihres Körpers genauso bewusst sein wie ihres Geistes. In rhythmischen Übungen und Tänzen galt es, zu lernen, wie eng beide miteinander verbunden sind.

Mit Musik und Tanz zur Harmonie

Es gibt zwei Tanzarten, die Übung und das Ballett. Die Übungen bestehen aus den verschiedensten Bewegungen der Gliedmaßen (z.B. mit ausgestreckten Armen im Zimmer herumgehen) und Ausdauerübungen. Er benutzte auch die Methoden von Dalcroze: Mitten in einer schwierigen Bewegung wird plötzlich 'Halt!' gerufen, und der Ausführende erstarrt in seiner Haltung, so lange bis er erlöst wird. Zum einen sollte dies die Selbstbeobachtungmöglichkeiten des Ausführenden steigern, zum anderen sein Gefühl für das Gleichgewicht, die innere Mitte. Gurdjieffs öffentliche Tanzveranstaltungen stießen auf große Anerkennung in der Öffentlichkeit.

Dazu wieder Powels:

»Das erste Ziel des Instituts ist also zusammengefaßt: die künstlichen Schranken der Persönlichkeit zu brechen. Erst dadurch wird es möglich, die verschiedenen Geist- und Körperzentren zu entwickeln und aufeinander abzustimmen. Die verwendeten Mittel sind: Selbstbeobachtung, ein praktischer Tanzkurs, körperliche und geistige Übungen, psychische Analysen und eine Reihe von Geist- und Körpertests, die von Gurdjieff im Einzelfall verschieden angewendet wurden.

Im Bewusstwerden der vierten Dimension (wir leben in der dritten) kann der harmonisierte Mensch seine Entwicklung fortfahren und die Beherrschung neuer psychischer Zentren erreichen.

Vielleicht wird der Leser gern ein Beispiel hören, das ihm den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Geist der dritten Dimension und einem harmonisch aus der vierten Dimension heraus entwickelten vorführt. Hier ist eines: Ich treffe Jones, den ich nicht leiden kann, auf der Straße. Sofort entwickelt sich in mir ihm gegenüber ein Hassgefühl. Ich balle die Faust, als ob ich ihn schlagen wolle. Aber ich stelle fest, es wäre unvorsichtig, ihn anzugreifen, weil er wesentlich größer ist als ich – oder ich zeige irgendein ähnliches geistiges Verhalten. Wenn meine drei Zentren ausgewogen wären, hätte ich Jones in Ruhe betrachtet, ich hätte niemals instinktiv die Faust geballt, und selbst wenn er mich geschlagen hätte, hätte ich ihm (wie es jemand anders getan hat, von dem Gurdjieff sagte, er sei ein großer Mystiker der vierten Dimension gewesen) die andere Wange hingehalten. Ich muss alles in allem – also Herr meiner selbst sein.

Für den Menschen der vierten Dimension sind alle Probleme klar, denn sein Geist ist sich gleichermaßen der Ursache wie der Wirkung bewusst. Deshalb ist seine Gewalt über die Dinge und Menschen unvergleichlich größer als die des mächtigsten gewöhnlichen Menschen.

Und wer von uns mittelmäßigen Leuten wollte diesen gespriesenen Zustand wohl nicht erreichen?«

 

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Fazit

Während viele Leute aus unterschiedlichsten Motiven zur Perfektion des Individuums strebten, ist an Gurdjieff bzw. seiner Methodik das Besondere, dass er zu Zeiten eindimensionaler Patentrezepte und Heilslehren unterschiedlichste Ebenen erkannte und verschiedene Methoden kombinierte.

À propos »den Hund tiefer begraben: Gurdjieff war ständig darauf bedacht, seine Spuren zu verdecken. Nichts sollte zu einfach gemacht werden, nichts ohne Mühe erreichbar – so kaufte er laut Zeugen Jahre später noch vorhandene Broschüren seiner Tanzveranstaltungen auf, um diese dann zu verbrennen.

 

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Werke

 

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Schüler

Ouspensky

J. G. Bennet

 

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Literatur

Rafael Lefort

Louis Powels

Alan Wats

 

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Links

Zu Gurdjieff findet die Suchmaschine Stoff für stundenlanges Lesen. Das nur als kleiner Tipp.

Empfehlung eines Lesers

»… Bei Gurdjieff Internet Guide¹ gibt es so ziemlich alles; Links, Info etc., gute Quelle. Von da aus geht es überall hin.«

Gurdjieff und Wilhelm Reich

Gurdjieffs Vierter Weg und Reichs Orgonomie¹ (en.) – »The purpose of this site is … to introduce the merger of G. I. Gurdjieff's Fourth Way with Wilhelm Reich's orgonomy as a means of becoming more conscious and … to share student experiences of this work as applied in practice to daily life situations.« (im Moment nicht erreichbar)

 

Herlu