Lafayette Ron Hubbard war zeitweilig in Crowleys Dunstkreis unterwegs und avancierte zu dessen Intimfeind. Mit »Dianetik« wollte er die Psychiatrie revolutionieren und wurde zum großen Feind der US-Psychiater-Innung. Offiziell deshalb, weil er keinen entsprechenden akademischen Titel trug, höchstwahrscheinlich aber auch deshalb, weil die Psychoanalyse ein wirklich gutes Geschäft war, und man nicht an preisgünstiger Konkurrenz interessiert war. Erst in Randbemerkungen weniger Quellen erfährt man den wirklichen Grund.
Um sich vor weiteren Angriffen zu schützen, gründete er eine Kirche und machte aus »Dianetik« ein religiöses Ritual gemäß dem US-Grundrecht der absoluten Religionsfreiheit – und gab damit ungewollt die eigenen Ideale auf …

 

blankDie Scientology-Kirche behält sich das alleinige Recht auf Fotos von Hubbard vor. Also hier keine Abbildung.

Lafayette Ron Hubbard

 

Wie bei Smi²le angestrebt und üblich, werden sich sowohl Anhänger als auch Gegner von Hubbard über diesen Artikel gründlich ärgern. Das ist auch ganz richtig so, denn auf kontrovers diskutierte Themen muss man immer noch eine weitere kontroverse Sichtweise draufsetzen, um dem Ziel der Wahrheitsfindung näher zu kommen.

Ganz nach König Salomons Motto: »Ich hätte hier eine objektiv gerechte Lösung, die keiner der streitenden Parteien gefallen wird – also, was wollt ihr nun wirklich?«


 

Hubbard, SF, Dianetik, Scientology

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Hubbard und Crowley, Scientologe vs. Okkultist

Wer sich mit Aleister Crowley beschäftigt, stolpert irgendwann über den Namen Hubbard. Was hatte der spätere Protagonist des »Clear« bei Crowley zu suchen? Nehmen wir einfach mal an, dass Neugierde der Grund war.

Crowley war ein Guru, Hubbard wollte einer werden. Beide verachteten sich gegenseitig. Beiden wurden und werden okkulte Praktiken unterstellt, die wir jedoch vor dem Spiegel der Zeit sehen müssen: So werden Dinge wie intuitive Wahrnehmung, intuitives Schreiben und luzides Träumen heute sicher nicht mehr als satanische Sünde wahrgenommen, sondern sind längst als Spiel mit dem Unterbewusstsein sogar in evangelischen Jugendgruppen ein üblicher Zeitvertreib. Also sind die Satanismus- und Okkultie-Vorwürfe entsprechend zu relativieren.

Hubbard wollte etwas darstellen, jemand wichtiges sein, Großes vollbringen. Ob er das geschafft hat, oder ob er der Prototyp des Psycho-Eso-Abzockers war (was ihm seine Gegner vorwerfen) und nicht der geniale Religionsbegründer (so sehen ihn seine Anhänger), mag jeder selbst abwägen. Immerhin wurden seine Ideen und Methoden so oft imitiert, dass man schon neugierig werden darf.

Leider steht Scientology, wie andere Religionsgemeinschaften auch, der kritischen Betrachtung ihrer Inhalte und der Gründer-Persönlichkeiten nicht gerade offen gegenüber. So bekamen wir zu einer früheren Version dieses Artikels entsprechendes Feedback, bei dem Ausdrücke wie »Vollidioten« und »'SMILE now' ist eine weitere Einrichtung der Volksverdummung« geradezu noch als Komplimente zu bezeichnen sind.

Insofern wird dieser neue Artikel kürzer ausfallen als geplant, wofür wir um Verständnis bitten. Dadurch bleiben auch ein paar an sich interessante Details auf der Strecke; unter anderem ein paar Anekdoten, um die es eigentlich schade ist. Die offizielle Vita kann man online nachlesen, ebenso die inoffizielle. Nun, die offizielle Darstellung scheint in etwas zu viel Hollywood-Scheinwerferlicht gehüllt.

Auch die Streitfrage, ob LRH von Crowley abgekupfert habe, oder ob sich bei dem Beschäftigen mit bestimmten Themen zwangsläufig Ähnlichkeiten ergeben, wollen wir hier nicht weiter beachten. Die Quellen sind allgemein zugänglich; jeder kann sich sein eigenes Urteil bilden.

 

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Ist Scientology eine Religion?

Die Antwort ist einfach: Ja. Leute glauben daran und betrachten das als Religion.

Die Sinnfrage ist dabei nicht ausschlaggebend. Wir lösen hier schließlich auch nicht das Problem, ob nicht-israelische Christen überhaupt den Segen des Gottes Israels erhalten können, ob Jesus Gottes Inkarnation oder nur ein Prophet war, ... und so weiter.

Das Argument, Religion müsse sich mit Jenseitigem beschäftigen, lassen wir auch nicht gelten: Dann wäre nämlich der Buddhismus keine Religion
(Ziel ist Erleuchtung, Wahrheit, nicht die Gnade irgendwelcher Götter)
und das Judentum streng genommen ebenfalls nicht
(hier spielt das Diesseits die entscheidende Rolle, das Leben nach dem heiligen Gesetz).

Wikipedia schreibt, es gebe keine wissenschaftlich anerkannte Definition des Begriffs der Religion.
Netter Ausweg aus dem Dilemma.

Letztenendes ist es auch nicht so wichtig, welchen offiziellen Status eine Gemeinschaft hat, die dem Mitglied vorschreibt, was zu denken und wie zu leben sei - in dieser Hinsicht ähneln sich Gemeinschaften vom Dorf-Jugendverein bis hin zur Weltreligion immens.

 

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Kindheit und Jugend

L. Ron Hubbard wurde am 13. März 1911 in Tilden/Nebraska (das ist im »wilden Westen«, etwa auf halbem Weg zwischen Chicago und Denver) geboren. Als er zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Helena/Montana (etwa 600 km nördlich von Salt Lake City und 750 km östlich von Seattle). Papa Hubbard war ab 1917 wieder bei der Marine, so kam Ron in den Vorzug, »die Welt« zu sehen: Mit 13 Jahren durfte er mit auf große Fahrt durch den Panama-Kanal in die Hauptstadt – und mit 16 zu Besuch beim inzwischen in Guam stationierten Vater. Nach Schulabschluss ging er dann zum Bauingenieur-Studium nach Guam, wo er anfing, Science-Fiction- und Abenteuergeschichten zu schreiben, was seinem Notendurchschnitt nicht besonders dienlich war, aber dafür seinen Interessen um so mehr entgegen kam.

 

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Das Experiment mit dem Koenig-Photometer

1930 begann mit dem oft zitierten Experiment das Interesse an Geist und Psyche – »how mind works« – sowie die Kritik an der wissenschaftlichen Psychologie. Ein Koenig-Photometer besteht aus einer Gasflamme, die über eine Membrane gesteuert wird, welche ihrerseits am unteren Ende eines Schalltrichters sitzt, in den man hineinsprechen kann. Über eine Optik wird nun die rhythmische Änderung der gesprochenen Worte projeziert. Der ursprüngliche Sinn der historischen Apparatur ist nicht bekannt, ebenso die Umstände, unter denen das Privat-Experiment stattfand.

Beim Experiment wurden die optisch dargestellten Sprachmuster von Gedichten in englischer und japanischer Sprache verglichen. Das an sich naheliegende Ergebnis war, dass sie ganz ähnlich waren und dass offensichtlich die emotionale Rezeption mit jenen harmonischen Mustern zu tun hat. Die Uni wollte von diesem Experiment nichts wissen, und insbesondere ein dazu befragter Psychologie-Prof raunzte H. an, Studenten technischer Fächer sollten sich gefälligst aus seinem Fachgebiet heraushalten.

Was war so besonders an diesem Experiment? Warum diese Reaktion? Welche Tabus wurden verletzt?

Natürlich war es ein Affront, wenn ein Laie mit einem einfachen Experiment die Evidenz einer exklusiv in Fachkreisen zu diskutierenden These aufzeigt.

Hier im speziellen Fall lagen die Beweggründe auf einer Ebene, die wir heute kaum begreifen können. Es lag am Ergebnis, das dem Psychologen nicht gefiel. Zitat:

»[H.] kam zu dem Schluss, dass hier der wissenschaftliche Beweis vorlag, dass die Menschen nicht so verschieden waren, wie man ihn hatte glauben machen wollen, sondern dass es tatsächlich einen gemeinsamen Nenner gab, und dass der Verstand auf gleiche Reize identisch reagierte.«

»White supremacy«, also purer Rassismus, galt um 1930 in den USA als ein Fakt, auch in wissenschaftlichen Kreisen. Wer daran zweifelte, über dessen Thesen und Ideen wurde nicht diskutiert.

Hubbard hatte mit einem kleinen einfachen Experiment, das jeder Schüler nachmachen kann, genau diesen rassistischen Blödsinn widerlegt. Deswegen steht ihm hier ein Artikel zu, und dafür bedanken wir uns bei ihm.

Wie immer man zur später formulierten Methode der »Dianetik« stehen mag: Sie hat den Anspruch, prinzipiell für jeden erlernbar zu sein, kennt weder Rassenunterschiede noch geborene Eliten, und sie verzichtet auf die Rolle des beinahe gottgleichen gelehrten Analysten. Also Grund genug für das wissenschaftliche Establishment, die Methode abzulehnen. Die Frage der Tauglichkeit der Methode mögen andere Leute diskutieren (es gibt durchaus positive Stimmen dazu, auch von außerhalb der Fan-Gemeinde); uns interessieren hier mehr die Hintergründe, über die sonst weniger gesprochen wird.

Aus Hubbards Aufzeichnungen geht hervor, dass oben beschriebene Abfuhr für ihn der Anlass was, sich für die Psyche zu interessieren, für die Frage »how does mind work?«. Er begann, Psychologiebücher zu lesen und war enttäuscht. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Psychologie in den USA vor der Einwanderung Europäischer Spezialisten ab 1933 ein ziemlich bedeutungsloses Fachgebiet war.

Zitat Hubbard über seine Lehrmeister am College:

»Um es mal ganz deutlich auszudrücken: Es war ganz offensichtlich, dass ich es hier mit einer Kultur zu tun hatte und in ihr lebte, die weniger über den Verstand wusste als der primitivste Eingeborenenstamm, mit dem ich jemals in Berührung kam. Da ich aber auch wusste, dass die Menschen der östlichen Völker nicht in der Lage waren, so tief und vorhersagbar in die Rätsel des Verstandes vorzudringen wie man mich glauben gemacht hatte, war mir klar, dass eine Menge Forschungsarbeit vor mir lag.«

Das macht neugierig.

 

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Schriftstellerei

Hubbard war als Science-Fiction-Autor unglaublich produktiv, was Phantasie und Kreativität betrifft. Um schneller produzieren zu können, benutzte er Schreibmaschinen mit Extra-Symbolen für häufig gebrauchte Worte wie 'and', 'at', 'the', 'or' usw. und dazu Rollenpapier, das das ständige Neu-Einspannen von Einzelblättern ersparte. Zu Studienzeiten und erst recht nach seiner Rückkehr ins »mainland« 1933 bis zum großen Erfolg mit »Dianetik« um 1950 produzierte er einen Titel nach dem anderen.

 

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Kriegseinsatz

Belegt ist, dass H. 1941 für ein paar Monate Berichterstatter bei der US Navy war. Er selbst schreibt, dass er nach einer Verletzung im Lazarett war und dort recht eigenartige Methoden der erzwungenen Gesundschreibung von Verletzten mitbekommen hat, und dass ihn insbesondere die Eindrücke über die militärische Version der psychischen Heilkunde dazu bewogen haben, ein alternatives Konzept zu erarbeiten. Glauben wir ihm das einfach; abwegig ist das jedenfalls nicht.

 

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Kontakte zum OTO

Anfang der 1940er Jahre zog Hubbard nach San Francisco. Hier wirkte auch Aleister Crowley mit seinem »Ordo Templi Orientis«. Auch wenn H.s Anhänger jede Nähe zu A.C. negieren, zog ihn wohl die Neugierde dort hin; schließlich freundete er sich mit Jack Parsons an Crowley-Schüler und Chef einer OTO-Unterloge, s. dort. In der Tat lehnten sich Crowley und Hubbard gegenseitig ab, doch gab es durchaus Gemeinsamkeiten:
Beide sahen im Menschen ein Wesen höheren Geistes und widersprachen vehement den Anschauungen gängiger Rassenlehren und der Reduzierung auf ein paar medizinisch-psychologische Grundfunktionen.

 

BaumratteFoto: Baumratte / Hutiaconga. Nach C.G. Jung müsste jeder Mensch in etwa die gleichen Phobien haben … ein Zoo-Besuch bestätigt das Gegenteil: Kleine Mädchen finden Ratten in Größe einer gut genährten Hauskatze »süüüß«.
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Psychologie in den USA

Während in Österreich und Deutschland mit Siegmund Freud die Psychologie ab ca. 1900 ein Thema großen Interesses war, wurde die Psychiatrische Organisation der USA von einem »Abtrünnigen« angeführt, für dessen Gruppentherapie sich kaum jemand interessierte. Dies änderte sich erst in den frühen 1930ern mit der Auswanderung führender Psychotherapeuten in die USA, die durch politische Umstände in Europa unerwünscht oder zumindest brotlos geworden waren.

Im und nach dem Krieg gab es traumatisierte Soldaten, denen diese eingewanderten Psycho-Docs teilweise helfen konnten; das sprach sich herum.

Schon die Aussicht, Leiden lindern zu können, denen man bisher ratlos gegenüber stand, war phantastisch. Amerika entdeckte die Psyche, so wurde die Psychoanalyse auch als Methode zur persönlichen Weiterentwicklung populär – jedenfalls für die, die sich das leisten konnten: Die Analytiker verlangten horrendes Geld für ihre Kunst, obwohl diese oft genug eher laienhaft war.

So erschien Hubbards Alternativ-Methode (s.u.) als eine Offenbarung, »Dianetics« erlebte einen Boom.

Natürlich gab es auch in der Psycho­analyse Fortschritte: Vor allem in New York, im Umfeld der aus Deutschland emigierten Akteure der ›Frankfurter Schule‹, entwickelten sich neue Lehren und Methoden, die soziale und politische Aspekte einschlossen, auf einem neuzeitlich-humanistischen Menschenbild aufbauten und den unnahbaren allwissenden Terapeuten nach Freudscher Manier ablehnten (dort war Hubbard natürlich ebensowenig zuhause wie bei den ›klassischen Analytikern‹, schon alleine wegen seiner egozentrischen Art und der Selbst­einschätzung als universelles Genie).

 

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Dianetik

Rezension St. Louis Post, 18.10.1950, Auszug:

Robert D. Brookes¹, M.D., betitelt Hubbard als »Meister des Unfugs«:

»Ein dickes Buch, … und es ist voll mit Wörtern. Was durch reine Behauptung bewiesen werden kann, wird bewiesen. … wenn man erst einmal den Nebel der dianetischen Sprache durchdrungen hat, könnte man sogar eine These entdecken: Wir legen den zeitlichen Verlauf blockierender Engramme frei, indem wir zu allen Zeitpunkten zurück kehren, an denen der analytische Verstand ausgeschaltet war, damit öffnen wir den Fundus [unreflektierter] Reaktionen. … Eine naive Verherrlichung der Idee, der Schlüssel zum Himmlischen Königreich liege darin, verdrängte neurotische Konflikte offen zu erörtern. … Präsentiert als ein Supermarkt der Dynamischen Psychologie, entpuppt sich Dianetik als ein zusammenhangsloser, greller Bazar, der schäbige Ware als wertvoll anpreist.«

Im April 1950 erschien gleichnamiges Buch und wurde über Nacht zum Erfolg. Jeder wollte es lesen, und schon bald gab es im ganzen Land hunderte von Gruppen, die Dianetik anwendeten. Warum? Im Kasten oben wurde der Grund schon angedeutet: Die Methode konnte jeder lernen, man brauchte keinen teuren Therapeuten, man hatte ein Mittel gegen die Krankheiten der Seele und des Körpers in der Hand – billig, einfach, demokratisch. Das kam den Menschen sehr gelegen, die teils vernichtende Kritik störte nicht (das Buch wurde in wenigen Tagen niedergeschrieben und kaum redigiert – diesen Vorwurf müssen sich die Fans gefallen lassen).

Wir widersprechen ausdrücklich der (unter anderem in diesem Buch vertretenen) Auffassung, Dianetik sei eine Art Allheilmittel – so etwas gibt es nicht, das ist höchstens als über­zogene zeit­genössische Reklame zu verstehen. Allerdings teilen wir auch nicht die Ansicht, es handle sich danei um kompletten Humbug: Es gibt belegte Erfolge, auch wenn das den Gegnern nicht gefällt.

Ebenso wollen wir festhalten, dass die Organisation, die heute Dianetik exklusiv betreibt, stark hierarchisch und ideologisch geprägt ist. Unterwerfung unter solche Strukturen stehen im Widerspruch zu unserer Auffassung der geistigen Freiheit. Wer dort sein Glück suchen will – bitte: Allerdings wollen wir von niemandem hören, wir hätten dazu geraten – und stellen dies hiermit klar.

Warum also berichten wir darüber? Ganz einfach, weil wir umstrittene Ideen vorstellen, sofern sie uns interessant erscheinen. Die Idee, auf den interpretierenden Analytiker zu verzichten, ist auf jeden Fall ein bemerkenswerter Ansatz. Die Erfolgsquote kann kaum niedriger gewesen sein als die der Psychoanalyse von 1950. Der Vorwurf mangelnden wissenschaftlichen Unterbaues wird zur Farce, wenn man bedenkt, welchen wissenschaftlichen Hintergrund Siegmund Freuds Sexualphantasien oder Carl Gustav Jungs Traumdeutungs-Archetypen zu Grunde liegen. Den wissenschaftlichen unterbau hätte man durchaus nachliefern oder widerlegen können.

So bleiben neben den zu befürchtenden Umsatz-Einbußen zwei inhaltliche Gründe für die Ablehnung u.a. durch die Psychiater-Kammer der USA (APA) übrig:

Diesen Kampf konnten Hubbard und seine Mitstreiter nicht gewinnen. Der Ausweg aus der Sache war ein typisch amerikanischer – Hubbard erklärte seine Lehre 1954 kurzerhand zur Religion und war somit durch die Verfassung vor weiteren Angriffen geschützt.

 

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Scientology

Scientology als offizielle Glaubensgemeinschaft war aus der Not geboren. Schnell passierte, was in solchen Gemeinschaften gewöhnlich passiert: Sektierer übernahmen das Ruder, stellten Regeln für alle Lebensbereiche auf, üben Macht aus (in einem offenen System geht das nicht, in einem geschlossenen ist das beinahe zwangsläufig); die Organisation wird irgendwann zum Selbstzweck. Entsprechend dünn sind gesicherte Quellen.

»Sektierer«, Begriffserklärung: Ein Mensch, der in einer Gruppe bestimmen und Macht ausüben und die Gemeinschaft nach außen elitär bis verschwörerisch abgrenzen will. Die eigentlichen Ziele und Inhalte der Gruppe oder ihrer Lehre treten dabei in den Hintergrund, werden oft umgedreht oder anderweitig ersetzt. So hat etwa das spätere Motto »make money …« nicht mehr viel mit geistiger Gesundheit und Vervollkommnung der Person zu tun.

Hubbard selbst bricht mehrfach mit Teilen seiner Organisation, lebt ab 1966 auf einem Schiff, taucht in der Öffentlichkeit kaum noch auf. Zehn Jahre später geht er zurück in die USA, um weitere Science-Fiction-Romane zu schreiben und Filme zu drehen. Im Januar 1986 stirbt er auf seiner Ranch in Kalifornien. Immerhin als Regisseur, der John Travolta für seine Hauptrolle gewinnen konnte.

Jedenfalls war Hubbard ein Mensch von extremen Facetten, wird über- und unterschätzt, angehimmelt und gehasst. Kann jemand Phantast und Forscher gleichzeitig sein, Anarchist und Tyrann seiner unmittelbaren Umgebung, Versager und Betrüger für den Einen, Held und Befreier für den Anderen? Ja, das geht. Das ist allerdings kein einfaches Leben, und solche Leute sind sicher auch nicht die idealen Mitglieder für eine Wohngemeinschaft.

 

Das Buch »Dianetik« kann man z.B. billig am Flohmarkt kaufen – und dann auch lesen. Sicher, es hat Mängel und wurde ganz offensichtlich in Rekordzeit getippt, aber man hat nach der Lektüre den Vorteil, zu wissen was drin steht. Fazit des Autors, der das Buch am Flohmarkt gekauft und gelesen hat: Die Idee ist gut, daraus hätte viel werden können. Schade, dass durch die Gründung der Religionsgemeinschaft der offene Charakter der Idee verloren gegangen ist.

 

 

Dianetik – kurz beschrieben

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›The Modern Science of Mental Health‹

Wer sich mit Dianetik befasst, wird von seltsamen Fachbegriffen quasi erschlagen. Das gehört wohl dazu, wenn man so etwas verkaufen will; der Kunde will beeindruckt werden. Das soll uns hier nicht stören. Wir verwenden sie weitestgehend nicht und wollen sowieso nur einen kleinen Eindruck vermitteln, um was es dabei geht. Wir wollen ausdrücklich nicht bewerten, dafür gibt es genug hoch bezahlte Fachleute.

Die Theorie geht davon aus, dass traumatische Erlebnisse des Menschen sich in einen unbewussten Teil des Gedächtnisses quasi »einbrennen« und von dort aus Schaden anrichten: Psychische Blockaden, Phobien, Fehleinschätzungen usw., aber auch körperliche Leiden aller Art. Soweit geht die Theorie mit denen der Vorgänger und »Konkurrenten« konform. Hubbard nennt diese Störungen »Engrams«; der Ausdruck wurde vorher in etwas allgemeinerer Wortbedeutung bereits verwendet.

Auch den Umkehrschluss, dass alle Leiden auf solche Ursachen zurückzuführen seien, teilt sich H. mit seinen Kollegen bzw. Widersachern. Dies klammern wir also aus der Kritik aus. Anfangserfolge verleiten zur Euphorie, das kann man bereits bei Karaoke-Parties nachvollziehen.

Ok, wir haben also erkannt, dass die Blockaden in einem unbewussten Teil des »Ich« sitzen und stören. Wir sollten also versuchen, dies zu lösen. Nur: wie machen wir das?

Freud lässt den »Patienten« auf einer Liege oder einer Couch Platz nehmen, der analytische Therapeut sitzt außerhalb dessen Sichtbereichs. Damit werden bereits konkrete Hierarchien aufgebaut. Der Therapeut konfrontiert den Patienten unmittelbar mit seinen Deutungen des Vorgetragenen.

Hier geht die Methode der Dianetik grundlegend anders vor: Der »Patient«, der natürlich nicht so genannt bzw. als solcher gesehen wird, sitzt (auf einem bequemen Sessel, da er sich ja stark entspannen soll) dem »Auditor« auf gleicher Höhe und in Sichtweite gegenüber. Das ist schon einmal ein Ansatz, der schneller zu Ergebnissen führt als die Konfrontation mit dem »Herrn Doktor« im »Off«. Der Auditor lenkt das Gespräch in eine Richtung, die ihm sinnvoll erscheint, stellt auch Zwischenfragen – interpretiert aber prinzipiell das Vorgetragene nicht.

Hier liegt der fortschrittliche Ansatz der Methode, mit der sich die damalige Therapeuten-Szene durchaus hätte beschäftigen sollen: Der Verzicht auf hierarchische Unterwerfung und der Verzicht auf Deutung nach Lehrbuch-Schema.

Dies erklärt zum guten Teil die eindrucksvollen Erfolge, die die Methode erzielen kann. Dass Hubbard die Hoffnung, damit alles heilen zu können, in erster Euphorie als Fakt kundgetan hat, sei ihm verziehen; das haben andere Entdecker irgendwelcher Methoden und Theorien auch gemacht. Darüber wollen wir hier also nicht reden.

Ein weiterer Unterschied zu herkömmlichen Therapiemodellen ist, dass Dianetik in erster Linie versucht, die »Engrams« zu finden und dem Fragenden ins Bewusstsein zu bringen. Damit sind nach der Theorie sowie nach praktischen Erfahrungen damit die Ursachen der störenden Auswirkungen bereits im ersten Schritt gelöst; die Auswirkungen gehen dann von alleine weg, ganz ohne therapeutische Interpretation.

Also der Ansatz zu einer neuen Psychoanalyse, die ohne Hierarchien und ohne Einpflanzen fremder Begründungen auskommt. Dies aufgrund der Person des Verfassers (und dessen Ablehnung des vorherrschenden rassistischen Menschenbildes) abzulehnen, war sicher ein Fehler.

Allerdings gibt es ebenso handfeste Kritikpunkte an Hubbards Lehre: 1. die pränatale Rückführung, die in völlig ungeklärtes Terrain führt (eventuell sinnloses Fabulieren des Fragestellers auslöst) und 2. das Konzept der »Aberration«, das Abweichungen vom moralischen Kodex der 50er-Jahre-USA kurzerhand zum Krankheitssyndrom erklärt (beispielsweise wissen wir heute, dass divergente sexuelle Stimulationsmechanismen weder unnormal sind noch einen Nachteil betreffs des Populationswachstums der Menschheit darstellen). Auch den ganzen Science-Fiction-Überbau können wir getrost der PR-Abteilung zuordnen.

Ansonsten durchaus ein interessantes Thema, das wir hier gerne ansprechen und zur Diskussion stellen.

 

 

Psychiatrie-Kritik

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Kritik ist notwendig und ganz sicher nicht ›Scientology‹ vorbehalten

Mittlerweile sind »Kritik an der Psychiatrie« und »Scientology« quasi zum Synonym geworden. Wir finden das falsch: Es kann nicht sein, dass man der Psychiatrie damit ein Totschlags-Argument gegen Kritiker aller Art zugesteht.

Betrachten wir nur einmal die schlimmsten Vorwürfe: Jeweils in Dienst und Sold der Machhaber haben Mediziner und Psychiater maßgeblich unter dem Vorwand wissenschaftlicher Forschung an den übelsten Unsäglichkeiten mitgewirkt – angefangen von Folter (bis in die Gegenwart hinein, s. Guantanamo), Mind-Control, Mk-Ultra bis hin zu perversen KZ-Experimenten unter Mengele und Konsorten. Kritik daran hat mit Scientology ganz sicher nichts zu tun.

Auch den Einsatz umstrittener Behandlungsmethoden wider besseres Wissen muss sich die Fakultät vorwerfen lassen. »Einzelfälle« können nicht als Ausrede akzeptiert werden.

Doch das ist ein ganz eigener, sehr umfangreicher Themenbereich, der hier nur der Vollständigkeit halber angeschnitten werden soll.