Orakelspiele phaszinieren die Menschheit seit Anbeginn. Natürlich sollen sie uns keine Entscheidungen abnehmen oder sagen gar die Zukunft voraus, das ist schlichtweg Unfug. Dafür sind sie ein spannendes und hilfreiches Mittel, Situationen unter weiteren Gesichtspunkten zu beleuchten …

 

The Universe»Das Universum« – ein Beispiel für besonders inspirierende Tarotkarten-Motive voller offensichtlicher wie auch versteckter Symbolik (Crowley-Tarot)

Orakelspiele

»Ich mache nie Voraussagen und werde das auch niemals tun.« – Paul Gascoigne, englischer Kicker

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Tarot, I-Ging, Orakel

Tarot

Die Karten selbst machen niemals Voraussagen. Alleine wir interpretieren eine Bedeutung in das, was wir sehen und stellen Assozioazionen her. Je weniger konkret die Symbolik ist, um so besser. Wenn euch bestimmte Dinge zu heftig sind (manchen Leuten geht es mit Runen so), legt sie weg. Es muss auch nicht Crowley sein – die Osho-Zen-Karten sind auch sehr inspirativ und kommen ohne harte Symbolik aus (Osho ist der mit den vielen Rolls-Royce, auch als »Bhagwan« bekannt – und er ist mehr als nur geschäftstüchtig, hat durchaus Inhalte zu bieten: Bei allen Ressentiments mögen wir doch bitte daran denken, dass er vielen, vielen Kindern der Plastik-Zivilisation den Zugang zu längst verlorenen spirituellen Wurzeln verschafft hat. Ja, lacht nur.). Sucht euch eure Lieblings-Karten aus, meidet den Schrott. Wir wollen nicht mit Ängsten spielen, sondern mit unserer Inspiration – getreu dem Smi²le-Motto »intelligence increase«.

I-Ging

Wer tiefer einsteigen will, dem bietet das I-Ging eine schier unermessliche Menge Futter. Doch ist es nicht mit dem Kauf eines Anleitungsheftchens getan – im Gegenteil, die meisten davon sind eher seicht und für schnellen Verkauf produziert. Alleine die Symbolik des I-Ging birgt Themen für jahrelange Meditation und Diskussion. Man muss jedoch keineswegs ein Meister sein, um daraus persönlich zu gewinnen (und eben nicht finanziell mit dummen kleinen Heftchen darüber). I-Ging ist sicher einen eigenen Artikel wert, vielleicht wird irgendwann einer fertig.

andere Orakel

Von Kaffeesatz bis Runen, vom Vogelflug bis zur Astrologie – die Themen sind vielfältig, das System ist immer das gleiche: Wir lassen uns von mehr oder weniger zufälligen Ereignissen inspirieren.

Jahrmarkt

Der Vollständigkeit halber will ich auf die Zukunftsdeuter unter den Wahrsagern eingehen. Die Zukunft läuft nicht nach Fahrplan ab, das klappt nicht mal bei der Bahn. Wahrsagen bedeutet »die Wahrheit sagen«. Die Wahrheit existiert in der Gegenwart, ist von der Vergangenheit beeinflusst und stellt allenfalls Weichen für die Zukunft. Vergleichen wir das wieder mit der Bahn: Die Weiche stellt einen Fahrweg ein, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass der Zug dort auch fahren wird. Der Zug kann immer noch mit Maschinenschaden stehen bleiben oder kurzfristig umgeleitet werden. Die Weiche beeinflusst den Zug erst dann, wenn er tatsächlich darüber fährt.

Klassische Zukunftsdeutungen sind also Quatsch, allenfalls eine Jahrmarkt-Belustigung. Sie entspringen einer Weltsicht, nach der alleine Gott bzw. stellvertretend die Kirche die Geschicke Aller leitet, einer Weltsicht, die dazu angetan ist, den Einzelnen zu versklaven. Wer sich darauf einlässt, hört vom angeblich Wissenden, wann er denn mit Geld und Liebe gesegnet sein wird. Das macht Laune, gibt eventuell Hoffnung, aber daran glauben sollte man lieber nicht. Gleiches gilt für das Gegenteil – der »Seher« verbreitet Angst und profitiert davon.

Mag es Leute geben, die in den Fragenden so weit hineinsehen können, dass sie wirklich hilfreiche Tipps geben können, so gilt doch für die meisten, die behaupten, solche Fähigkeiten zu haben, dass sie weit davon entfernt sind. Erinnern wir uns an das Zitat des namentlich nicht bekannten Großmeisters: »Wer jedem erzählt, dass er das Schachspiel beherrsche, ist ein Anfänger und wird das womöglich immer bleiben«.

 

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Tarot heute

Osho ZenOsho¹ Zen Tarot: »friendliness«

Die Wiederentdeckung des Tarot schreibt man primär unserem Lieblings-Enfant-Terrible zu, Aleister Crowley. Ohne allgemeines Interesse an mystischen Dingen zum Anfang des 20. Jahrhunderts wäre das allerdings sinnlos gewesen. Vermutlich lag es an dem Industrialisierungs-Schub ab ca. 1903 (Entdeckung von Erdöl in Saudi-Arabien, Verdrängung der nicht-amerikanischen Ölfirmen aus dem US-Markt durch Rockefellers Standard Oil Trust), dass man sich gerne ganz entgegengesetzten Themen zuwandte.

Ursprung der Karten

Die ältesten überlieferten Kartenspiele sind Domino (aus dem arabischen Raum) und Mah-Jongg (aus China, vermutlich der Ursprung). Dass statt Karten Spielsteine aus Holz oder anderen Materialien verwendet werden, soll uns dabei nicht stören. Die unzähligen Spiel-Varianten sind ein Indiz dafür, dass sie schon sehr lange in verschiedensten Gegenden der Welt gespielt werden.

Um 1500 erfuhr die Holzschnitt-Druckerei in Europa eine Blütezeit; sehr beliebt und teils im Original erhalten war das »Hofämter-Spiel«. Die Karten trugen Wappen verschiedener Herrscherhäuser und Bilder von Amtsträgern, z.B. dem König, der Königin, des Marschalls usw., damit spielten die Untertanen ein wenig Schicksal mit den Herrschenden. Aus diesen Figuren leiten sich die Tarot-Figurenkarten ab, das »große Arkana« (der Hohepriester, die Liebenden, das Rad).

romagnoletrevigianeDer Schwerter-König (re di spade, K-Pik), rechts aus den »Romagnole« (Dal Negro¹), links aus den »Trevigiane« (Modiano¹)

Um 1700 wandelte sich das Kartenspiel. Die Personen-Karten wurden weniger, es kamen Zahlen-Karten stattdessen. In Südfrankreich (Marseilles) enstanden die europäischen Ur-Karten, wie sie in Italien noch gebräuchlich sind. Deren Werte und Farben finden wir im »kleinen Arkana« des Tarot: Die Ziffern 1 (As) bis 10 (teils finden nicht alle Zahlen-Karten Verwendung), der Knappe (fante, Unter, Bube), der Ritter (cavallo, Ober – im französischen Spiel wurde er zur Dame – oh là là, sempre les filles) und der König (re). Deren Bedeutung wird unterschiedlich zugeordnet; weitgehend einig ist man sich bei der Deutung der Farben, wie man sie in heutigen Tarot-Karten findet. Sie haben ihre Entsprechung in den klassischen griechischen Elementen

Klassische Elemente, Farben und deren Zuordnung

Die Zuordnung muss nicht immer genau so sein. Ausgehend von den französischen Karten sind bisweilen Kreuz und Caro vertauscht, da das (rote) Caro-Symbol durchaus zu einem Feuerzeichen passt und das schwarze Kreuz zu einem Erdzeichen.

Caos Artsrechts der Schwerter-König der venezianischen Künstler-Gruppe »caos arts«

Zahlenmystik und Tarot

Das große Arkana ist durchnummeriert, beginnt mit dem Joker, dem Narren (ohne Nummer oder »0«). Manche Deutungs-Schulen geben den Bildern den Vorrang, andere den Ziffern (nach kabbalistischer Zahlen-Mystik). Bisweilen gleichen sich die Deutungen; so ist die Null der indifferente Anfang, aus dem sich alles entwickeln kann, und auch der Narr der, der jede Verkleidung annehmen kann und niemals sein wahres Ich zeigt.

Dennoch ist keine der Versionen alleine richtig oder falsch. Wirkich wichtig ist die meditative oder auch spontane Auseinandersetzung mit den Orakelsprüchen zu den einzelnen Karten und mit deren Konstellation. Wenn uns das hilft, auch über Aspekte nachzudenken, die wir sonst nicht beachtet hätten, ist damit schon viel gewonnen. Wenn wir solche Orakel als ein Werkzeug sehen, um unsere Wahrnehmungsebene zu erweitern, werden wir sehr bald aufhören, darüber zu lachen.

 

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Literatur, Links

Literatur

Links