Als gelernter Psychologe beschäftigte sich Leary mit der Idee, unter anderem mittels psychoaktiver Substanzen das menschliche Gehirn neu zu programmieren. Sein Ziel war, bisher ungenutzte »circuits« zu aktivieren. Als Futurologe formulierte er das Szenario »Smi²le« als Zielvorgabe für das 21. Jahrhundert …

 

Leary by Apple ComputersIn ihrer Werbecampagne »think different« hat die Computer-Firma »Apple« Timothy Learys Verdienste als Denker gewürdigt. Nehmen wir dies als Indiz dafür, dass auch andere Leute – nicht nur wir – in ihm mehr sehen als den durchgeknallten »Drogen-Guru«, auf den US-Hardliner ihn gerne reduzierten.

Der Begriff SMI²LE und Timothy Leary

+

Timothy Leary

Beide – den Begriff SMI²LE sowie dessen Schöpfer Leary – in wenigen Worten zu beschreiben, ist schlicht unmöglich. Verzichten wir also auf den Anspruch der Vollständigkeit und betrachten dies hier einfach nur als Einleitung und als Anreiz, sich mit dem Thema näher zu befassen.

Robert A. Wilson¹, ein US-Autor, der seinen gut dotierten Job beim »Playboy« hingeschmissen hat, um sich seinen eigenen Themen zu widmen – Futurologie, SF, Mystik, Geheimgesellschaften usw usw – kannte Leary persönlich und hat sehr viel über ihn und seine Ideen geschrieben. Unter anderem ist »Cosmic Trigger« (Sphinx Basel 1979 / rororo Reinbek 1985) absolut lesenswert: Woher kommt die Menschheit, wohin geht sie, was will oder soll sie tun, was hat es mit »starseed« auf sich? Das Vorwort ist von Leary höchstpersönlich.

Auch wir sind über Wilson zu Leary gekommen – und haben beschlossen, unseren Verein nach Learys Zukunfts-Szenario zu benennen und selbiges als Leitmotto zu wählen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir Leary-Jünger wären. Wir denken selbst.

 

+

Leary und der »Mainstream«

Auf jeden Fall besticht Learys Konsequenz bis ins Letzte: Als Psychologe zeigte er Wege auf, die um etliche Dimensionen weitreichender waren als z.B. Freuds Projektion eigener Probleme, Sexualkomplexe und Lebenshemmnisse auf die gesamte Menschheit. Er glaubte daran, dass man das Gehirn, den Geist in positivem Sinne umprogrammieren könne, und – entsprechend den Erkenntnissen und Hoffnungen seiner Zeit – dass dies mithilfe geeigneter Drogen machbar sei. Heute wissen wir, oder glauben das zu wissen, dass das so einfach nicht funktioniert.

Jedenfalls war er als geistiger Weggefährte von Aleister Crowley für das prüde US-Amerika der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts schon wegen seinen Ansichten und Praktiken zum Thema Sexualität unerträglich, und seine Experimente mit psychoaktiven Stoffen (LSD, Marijuana, Peyote) zur Erforschung des menschlichen Bewusstseins, dessen Funktionsweisen und Erweiterungsmöglichkeiten waren Anlass, ihn dauerhaft hinter Gitter zu stecken.

Er verweigerte sich dort allen Resozialisierungsmaßnahmen (Maul halten gegen Freilassung), wich keinen Millimeter (oder in was die dort messen) von seinen Standpunkten ab und gab sich und seine Ideen nie auf – vgl. Galilei: »und sie bewegt sich doch«.

Seinem Lebenslauf zutrotz unterstellt man ihm posthum, mit der CIA zusammengearbeitet zu haben und damit »mind-control«-Projekte unterstützt. Mag sein, dass man ihn genötigt hat, ein paar seiner Erkenntnisse herauszurücken, aber der Rest ist wohl Unterstellung.

Aber – soll man ein Land, eine Kultur daran messen, wie sie mit Vordenkern und Dissidenten umgeht? Nein, man soll nicht, man muss.

 

+

Wilson über Leary

… Dr. Timothy Leary, der entweder eine ganze Generation mit bewusstseinsverbiegenden Drogen einer Gehirnwäsche unterzog (die Meinung seiner Feinde) oder aber entdeckte, wie man das Bewusstsein der Menschheit von kulturell bedingter Begrenzung befreit (die Meinung seiner Freunde) … (Cosmic Trigger, S.49)

Wilson beschreibt damit in einem Halbsatz, wie umstritten Leary war und ist. Wilson ist ganz sicher ein Freund Learys und beschreibt in seinen Büchern dessen Thesen immer wieder sehr ausführlich.

 

+

»eight circuits«

Die These der acht Bewusstseinsebenen, etwas unglücklich mit »Schaltkreisen« übersetzt, können als Analogie zu den acht Hauptgruppen in der Systematik der chemischen Elemente betrachtet werden. Die »circuits« werden evolutionären Stadien zugeordnet, die der Mensch zum Teil schon durchschritten hat, zum Teil aber noch nicht:

Mag sein, dass das Modell komplett fehlerhaft ist – darüber nachzudenken, schadet jedenfalls nicht.

 

+

»SMI²LE«

Um alle acht »Circuits« zu aktivieren, hat Leary verschiedene Vorgaben entwickelt, die er unter dem Ausdruck »SMI²LE« zusammenfasst.

(Wilson:) SM-I²-LE war Learys Akronym für das futuristische Szenario, das er aus seinen »Starseed«-Übertragungen abgeleitet hat. Es bedeutet Space Migration (Aufbruch in den Weltraum) + Intelligence Increase (Steigerung der Intelligenz-Fähigkeiten; das Doppel-»I« ist hier mit dem Quadraturzeichen »²« symbolisiert) + Life Extension (Verlängerung der produktiven Lebenszeit).

Space Migration

Der Aufbruch ins All, dazu gehört die Raumfahrt ebenso wie die Astronomie, ist kein teurer Luxus, sondern die aktuelle evolutive Aufgabe der Menschheit. Und die muss jetzt gelöst werden, technologisch wie sozial, schon deshalb, damit die Verteilungskämpfe um Geld, Öl und Macht an Bedeutung verlieren.

Außerdem gibt es viel Neues zu entdecken.

Intelligence Increase

Könnte heute ein schweizer Patentsachbearbeiter seine verückten Thesen in einer wissenschaftliche Zeitung veröffentlichen? Kaum. Wissen muss demokratisiert werden, wir müssen auch jenseits der Institutionen suchen. Auch wenn wir uns zehnmal auf den Holzweg begeben, bis wir tatsächlich zu neuen Erkenntnisse gelangen.

Öffnung und Demokratisierung von Information, gegen Zensur und Desinformation.

Life Extension

Trotz aller Fortschritte sterben Milliarden Menschen viel zu jung, setzen aus lauter Angst viel zu viele Kinder in die Welt. Die Armut wächst weiter, wird zum Selbstvernichtungsrisiko. Auch hier müssen die Erkenntnisse und Methoden demokratisiert werden. Wir brauchen keine Sklaven, keine Kindersoldaten-Desperados, sondern offene, freie, tatkräftige Leute, die in der Lage sind, die Aufgaben der Menschheit zu lösen.

Wir haben wenig Zeit, zu wenig Zeit.

 

+

Fazit

»SMI²LE« ist somit als Wegweiser für den nächsten Evolutionsschritt der Menschheit gedacht. Auch wir sehen das als die Alternative zum heute propagierten Szenario: Spaß-Konsumgesellschaft für die 30 Prozent Wohlhabenden der reichen Länder, ansonsten soziale, kulturelle und wirtschaftliche Verarmung, Dienstboten-Vasallenschaft statt Bildung und eigenständiger Lebensgestaltung, Seuchen, Hunger, Krieg (wird unwidersprochen als »ökonomischer Sachzwang« hingestellt – vgl. den ganzen Schmarrn um die angebliche »Globalisierung«) – kurz gesagt: Abstieg der Menschheit als Spezies, nicht wirklich ein wünschenswertes Ziel.

 

Das haut den stärksten Opi um
+

Literatur

Robert Anton Wilson

Smile e.V., Herlu

Anschaulich erklärt wird der Begriff »SMI²LE« in romanhafter Form bei »Machtjunkies« (s. Inhalt, bei »Smile kreativ«).