Ein einfaches Tarot mit italienischen Spielkarten. Rekonstruktionsversuch einer ursprünglichen Variante des Orakelspiels …

 

trevigianeDie Tarot-Decks von Crowley, Waite und anderen basieren auf Spielkarten des 17. Jahrhunderts. Doch ist noch eine ursprünglichere Variante in Europa überliefert, in Form der italienischen Karten mit ihren regionalen Varianten und deren Gemeinsamkeiten

Tarot, Anleitung zum Einstieg

die Karten

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Ursprung

Die Karten kamen etwa um das Jahr 1000 aus China über den arabischen Raum nach Europa – und dort zuerst nach Italien. Die dort erhaltenen Decks haben gut 500 Jahre ältere Wurzeln als das »Tarot de Marseille«, auf dem u.A. Crowleys System aufbaut.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden mit solchen ganz normalen Karten-Decks auch Orakelspiele gespielt. Die mit den Karten verbundenen Bedeutungen waren natürlich einfacher als im Falle der Tarot-Decks mir den vielen diversifizierten Karten (z.B. Narr, Magier, Hohepriester), aber das ist nicht unbedingt schlecht für die Phantasie und die Intuition.

Wir wollen also ein solches Ur-Tarot rekonstruieren und gehen erst einmal auf die Karten selbst ein.

 

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Systematik

Die Kartenspiele sind nicht sehr viel anders aufgebaut als unsere Rommée- oder Schaffkopfkarten. Es gibt vier Farben, einige Zahlen- und ein paar Personen-Karten; insgesamt bei der italienischen Variante nur zehn pro Farbe. Manches erkennen wir sofort wieder, manches sieht ganz anders aus. Die daraus abgeleiteten Tarots haben mehr Personen-Karten und/oder einzelnen Zahlen-Karten zusätzliche Attribute zugeordnet. Aber das soll uns erst einmal nicht stören.

 

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Farben

semi di giocoDie vier Farben, hier am Beispiel der 2 des Modiano-Decks

Die Farben entsprechen den klassischen griechischen Elementen und ihren Deutungen und decken somit das Grundthema ab, über die die jeweilige Karte etwas sagen will.

Dualität der Eigenschaften

Wir sehen, dass die Eigenschaften der Farben an sich nie »gut« oder »schlecht« sind, und ähnlich sollten wir prinzipiell auch über unsere Mitmenschen denken.

Auch die klassischen Elemente stehen nie für »gut« oder »schlecht«, sondern alle Grundeigenschaften haben Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken. Wollen wir uns das den Wölfen abschauen: Der mutige, starke Anführer des Rudels wird immer auf den Ängstlichen sehen, da jener die Gefahr zuerst wittert, und er wird diesen keinesfalls aufgrund seiner »Schwäche« aus dem Rudel ausstoßen. So blöd ist kein Wolf.

Gleiches gilt für die Eigenschaften der Karten-Symbole: Sie bergen Chancen und Risiken, über die man gründlich nachdenken kann.

 

 

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Werte

as di coppeAs di coppe, Modiano

Die Werte stellen die Eigenschaften in Bezug auf die durch die Farben vorgegebenen Themenbereiche haben. Daran muss man immer denken, denn es handelt sich um grundlegend verscheidene Ebenen, die der Betreffende in der Regel ganz unterschiedlich gewichtet oder handhabt.

Unsere italienischen (Scopa-) Karten bestehen aus dem As, das der Eins entspricht und nicht weiter bezeichnet ist (das As zeigt nur ein phantasievoll ausgeschmücktes Farbsymbol), den Zahlenkarten Zwei bis Sieben und den drei Hofkarten (Figuren-Karten) »fante« (Knappe, Unter), »cavallo« (Ritter, Ober) und »re« (König).

Die Dame kommt in diesem Spiel nicht vor. Die Hofkarten sollen nicht männlich oder weiblich sein, sie stehen für Entwicklungsstufen, Altersstufen oder Stände. Ein Kartendeck mit Zofe, Jungfrau und Königin funktioniert ebensogut – malt euch eines, wenn ihr wollt.

Die klassischen Karten kennen sieben Zahlen; die Sieben ist eine magische Zahl. Das Tarot de Marseille hat zehn Zahlen-Karten, allerdings fällt auf, dass die Deutungen der Karten acht bis zehn teils die anderer Zahlen wiederholen. Also bleiben wir bei sieben. ›Back to the roots‹.

 

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››› As, 1

 

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››› Zahlenkarten – 2 bis 7

 

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››› Hofkarten – »fante«, »cavallo«, »re«

fcrKnappe, Ritter, König (fante, cavallo, re) der Stäbe (bastoni), Modiano

 

So, damit wäre die Bedeutung der Karten erklärt. Nun zu den Methoden … dabei wollen wir von einfachen zu komplizierteren hin vorgehen …

Wie legen wir die Karten?

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Anfang

Der Anfang ist bei allen Methoden gleich

Als erstes überlegen wir uns die Frage.

Dann mischen wir die Karten.

Wir mischen sie gut und oft.

Hinlegen, abheben; linke Hand, rechte Hand ist einerlei.

… wir sollten uns nur eine Vorgehensweise angewöhnen, die wir durchhalten, damit wir uns nicht selbst von der Frage ablenken

Wenn wir denken, »jetzt«, dann legen wir die Karte(n) aus.

 

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Eine Karte – eine allgemeine Frage

Dies funktioniert mit Fragen, die möglichst nicht mit »ja« oder »nein« zu beantworten sind. Wir legen also genau eine Karte offen hin und überlegen uns, was die Karte zur Frage aussagen »will«. Vielleicht sollten wir uns jedenfalls am Anfang Notizen machen. Natürlich geben wir uns selbst eine Antwort, die durch Intuition entstanden ist; die Karte inspiriert uns, hilft uns, unseren Denk-Horizont zu erweitern.

Beispiel – Frage: »Was bringt der morgige Tag für mich?« – nehmen wir an, wir haben die Fünf der Hölzer vor uns liegen.

Was sagt uns diese Karte?

Die Farbe sagt, es geht um unseren Willen oder unsere Energie. Die Zahl sagt, dass der statische Zustand der letzten Zeit durchbrochen wird, dass etwas passiert. Wenn ich das für eine gute Idee halte, werde ich also am morgigen Tag durch eigene Aktion dafür sorgen, dass ich meine Aktionen an einem Punkt, der mir schon lange am Herzen liegt, vorwärts bringe. Wenn ich das nicht will, werde ich sämtliche Ereignisse vor mir abhalten – das Mobiltelefon abstellen und den ganzen Tag im Wald verbringen.

Wir sehen, es handelt sich um ein meditatives Orakelspiel, das uns sehr wohl zu mehr Bewusstsein verhelfen kann.

 

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Zwei Karten – ja oder nein?

Wir machen das wie vor; nur dass wir zwei Karten auslegen. Die erste steht für das »ja«, die zweite für das »nein«. Dann überlegen wir uns, was die Karten zu der Entscheidung »ja« oder »nein« sagen. Eine interessante Variante des Spiels, die manchmal geradezu die Tomaten vor den Augen weg rollt.

LoewenBeispiel – Frage: »Wird meine Fußballmannschaft die nächste Pokalrunde erreichen?« – nehmen wir an (hier beruht die Annahme auf realen Karten), die Karte für »ja« ist die Münzen-Drei und die für »nein« die Schwerter-Vier. Also interpretieren wir das mal:

»Ja« – die Wurzeln, starke Position. Für den Sieg spricht also die Tatsache, dass die Mannschaft eingespielt und routiniert ist (wäre das nicht so, fiele uns eine andere Bedeutung der Karte ein).

»Nein« – die Ideen, (trügerische) Harmonie. In dem Fall bedeutet das wohl die eigene Harmonie, da genau diese vergessen machen kann, dass der Gegner uns ganz und gar nicht lieb gesonnen ist.

Hier spricht also unserer eigener Zustand sowohl für als auch gegen den Sieg. Im Fußball bedeutet das, das vermutlich vor der 80. Minute kein Tor fällt bzw. keine Entscheidung. Im Pokal gibt es, wenn keine Entscheidung fällt, Verlängerung und Elfmeter. Hier sind dann Ideen nicht mehr so wichtig, hier siegt meist die Routine, das Können; knappe Ergebnisse sind bei relativ gleichklassigen Gegnern zu erwarten. Damit stehen also die Chancen gut, dass die Mannschaft mit einem Zitter-Ergebnis doch noch weiter kommt.

Das besagte Spiel findet am 23. oder 24. September 2008 statt; der Gegner ist zum Zeitpunk der Erstellung dieses Textes noch nicht ausgelost. Falls ich das nicht vergesse, werde ich das Spielergebnis hier rein schreiben und entsprechend analysieren.

beim ›penalty kickout‹ treten je Man­schaft 5 Spieler an und schießen einen Straf­stoß vom Elf­meter­punkt. Wenn dabei Gleichstand auftritt, wird die Prozedur wieder­holt.

Auflösung:  Am 23.9.2008 hatte der TSV in der 2. Pokal-Runde den MSV Duisburg zu Gast. Zum Ende der regulären Spielzeit stand es 0:0, die Nachspielzeit brachte auch keine Entscheidung, dann kam es zum ›penalty kickout‹. Daniel Bierofka verwandelte nach einer vergebenen Chance der Gegner die letzte Chance zum Sieg mit 5:4.

Siehe oben: mit Zitter-Ergebnis weiter gekommen. Die Karten lügen also keineswegs.

Oder haben mich die Karten nur zur richtigen Interpretation meiner Vorahnung inspiriert? Mag sein.

 

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Drei Karten – Entwicklung

Diesmal legen wir drei Karten aus. Die erste steht für »gestern«, die zweite für »heute« und die dritte für »morgen«. Der Rest geht genauso. Bleiben wir für das Beispiel beim Fußball.

Beispiel – Frage: »Wie wird sich die zweite (d.h. Amateur-) Mannschaft entwickeln?

Die Karten sind in diesen Beispielen übrigens real gemischt und gezogen.

Gestern: Kelche-Sechs – Empfindungen und Gefühle in absoluter Katastrophen-Lage. Das lässt sich belegen, das stimmt. In so einer Firma wie noch vor wenigen Wochen (Stand: Sommerpause 2008), will und kann niemand vernünftig arbeiten.

Heute: Schwerter-Zwei – die Gedanken kommen zurück und harmonisieren sich. Die Rückkehr zur Vernunft also.

Morgen: Hölzer-Sieben. Die Glückskarte, was Aktion und Willenskraft betrifft. Es geht ab, es geht so richtig ab.

Die Deutung ist hier nicht mehr schwierig; da brennt die Lunte. Verifizierung in der Zukunft über kicker.de¹.

Natürlich ist Fußball an sich eher ungeeignet für Orakel, da sich im Verlauf der Liga mehr Zufälle ergeben als sich der »kundige Fan« gerne eingesteht.

Auflösung:  Zum Ende der Saison 2007/08 war TSV1860-II in der zweiteiligen Regionalliga Süd auf Platz 13 (und verpasste damit knapp den Aufstieg in die neugegründete Liga-III des DFB), ein Jahr später in der dann vierteiligen immerhin auf einem hoffnungsvollen 6. Platz bei Zuschauer-Rekorden sondersgleichen.

Weiterer Beweis: Die Karten haben Recht !!!   :o)

 

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Psycho-Tarot

Soziogramm

Diese Methode ist ziemlich unüblich, aber hoch interessant. Deshalb soll sie hier kurz vorgestellt werden.

Wir denken uns einen Kreis von Personen, die wir mehr oder weniger gut kennen. Wir stellen uns vor, sie sitzen in einem Raum. Wir notieren uns ihre Sitzpositionen.

Dann stellen wir uns eine Frage zu allen Personen – etwa: »was ist jeweils die dominierende Charaktereigenschaft?«.

Nun legen wir entsprechend der Sitzposition je eine Karte pro Person aus … und zwar verdeckt. Diese Karte wird erst am Ende des Spiels ausgewertet und in Relation zu den anderen Karten gesetzt – die Ergebnisse sind regelmäßig sehr verblüffend!

Dann fangen wir irgendwo an und legen die zugehörige Karte offen. Wir interpretieren das Ergebnis, machen uns dazu Notizen und decken die Karte wieder zu. Dann gehen wir zur nächsten Person, interpretieren und notieren wieder.

Wir stellen die nächste Frage und verfahren damit weiter wie gehabt. Je mehr Fragen wir stellen, um so interessanter und aufschlussreicher wird die Auswertung. Bei den weiteren Fragen darf man gerne Extreme überschreiten, das macht das Spiel umso interessanter.

Am Schluss sehen wir uns das Ergebnis an und fangen an zu philosophieren …

Die Wahrheit ist naheliegend, aber wir sehen sie nicht, weil wir dauernd in den Fernseher schauen …

 

 

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komplizierte Methoden

Wir haben das Karten-Deck vereinfacht, um schneller zu Ergebnissenzu kommen, und noch dazu zu interessanteren. Also lassen wir die komplizierten Lege-Systeme weg – sie sind in erster Linie dazu nütze, dem Kunden das hohe Honorar nachvollziehbar zu machen.

Dazu ein Zitat eines Mitmenschen, dessen Namen ich hier diskreterweise vorenthalte:

»Einen Sachverhalt kompliziert darzustellen, nutzt nur dem Experten«

Also, das ganze verkomplizierte Zeug findet ihr in der Literatur. Die meisten von euch wird es nicht weiter bringen.

Nochmal deutlich: Das ganze verkomplizierte Zeug wird euch nicht weiter bringen.

croceAm ehesten ist noch das klassische Kreuz brauchbar – ich will es hier kurz anreißen (aber mehr auch nicht):

 

Il croce

Wir gehen aus von der Methode »Entwicklung« – also drei Karten nebeneinander für das Gestern, Heute und Morgen. Dann legen wir eine Karte unter die mittlere für die Wurzeln und eine darüber für die Gedanken, die über allem schweben. Ihr seht schon, hier setzt die Logik aus – aber immerhin ist das ein klassisches Verfahren. Ok.

Der Rest geht wie bekannt. natürlich wird die Interpretation schwieriger und diffuser, je mehr Karten offen auf dem Tisch liegen. Der Autor hält das schlicht für Unsinn. Egal.

Es gibt Lege-Verfahren, die die Zusammenhänge eines ganzen Decks sehr genau analysieren, aber das ist etwas für Leute mit richtig viel Erfahrung. Für den Einstieg bringt das gar nichts.

Wenn wir wollen, legen wir eine sechste Karte, diesmal verdeckt, für die äußeren Einflüsse auf eine der offen liegenden Karten (wir können sie auch darunter schieben) – und die decken wir erst auf, wenn wir aus der Konstellation der anderen Karten schlau geworden sind.

Vgl. Artikel »Kosmologie« – der sechsdimensionale Raum ist nicht mehr anschaulich. Überlassen wir das also den Fernseh-Schamanen, und überlassen wir denen auch deren ziemlich schlechte Trefferquote.

 

 

fante bastonifante di bastoni

Fazit

Zu dieser Seite habe ich folgende Karte gezogen: »fante di bastoni«, »Knappe der Hölzer«:

Wir wollen gerne alles wissen, aber wir lernen nur durch Erfahrung; dazu müssen wir das auch wirklich wollen und betreiben.

 

Wir sehen, die Karten haben immer Recht.

jk

 

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